P20-3_ReitreiseSchweiz_09
P20-3_ReitreiseSchweiz_09

Bernina-Ritt: Mehr als nur den Weg finden …

Ungezählte Höhenmeter, zwei Bergpässe und viele Stunden auf und neben dem Pferd bringen neue Erkenntnisse und eine geprellte Rippe. Der Bernina-Ritt führt bis zur 2.625 Meter hoch gelegenen Kesch-Hütte im Kanton Graubünden, nahe des Porchabella-Gletschers, der übersetzt „schöne Sau“ bedeutet. Doch mehr als schön ist auch der Rest. Der entschleunigte Trail in den Schweizer Bergen fördert etwas fast verloren Geglaubtes zutage.

Aufgereiht wie braunglänzende Perlen auf einer Schnur drängen sich elf Pferde teils Nase an Schweif an einen steilen Hang. An der Spitze sitzt Rittführer Men Juon von seinem leicht angegrauten Fuchswallach Nabucco ab und überprüft zu Fuß die Beschaffenheit des Schneefelds, das sich gleißend weiß über den steinig schmalen Pfad ergießt. Das Pferd scheint sich seiner wichtigen Funktion bewusst: Ohne Reiter, den Zügel lose am Knauf des Westernsattels eingehängt, sieht es dem sich vorsichtig vorantastenden Zweibeiner kurz zu, bevor es selbstständig hinterherstapft. Doch der Weg des Reiters behagt dem Pferd nicht so recht, es sucht sich seinen eigenen. Die Nüstern nahe an der Schneedecke, so als ob es den Untergrund erriechen könnte, setzt es langsam ein Bein vor das andere. Während Men sich weiter oben durch den Schnee kämpft, quert das Pferd in Serpentinen etwas unterhalb. Gemeinsam und doch jeder für sich suchen Mensch und Tier nach der besten Wegführung auf der Schneedecke mit gefährlich-unsicherem Untergrund. Nachdem der Wallach wieder festen Boden unter den Hufen hat, marschiert er noch ein Stückchen, bis er sich entschließt zu warten. Seine Arbeit ist für den Moment getan. Und schon ruft Men den Wartenden zu: „Reitet in den Spuren von Nabucco. Dort ist es sicher!“ Es geht weiter Richtung Kesch-Hütte.

Elf Pferde, elf Reiter, elf Tage. Ein gut gelaunter Treck, der in einer Schleife durchs Unterengadin zieht, dabei zwei Bergpässe erklimmt und bis auf eine Seehöhe von 2.625 Meter führt. Die Gegend ist bevölkert von Menschen, die sich eine eigentümliche Sprache bewahrt haben und in Dörfern wohnen, wo manchmal einem Schlaraffenland gleich Mineralwasser aus den Brunnen sprudelt. Auf Pfaden, die heute hauptsächlich von hochtechnisiert ausgestatteten Wanderern frequentiert werden, schraubt sich unser karawanenartiger Trupp den Berggipfeln entgegen. Die Pfade führen durch gelbe Klappertopf- Wiesen, Nadelwälder, in deren Bäumen graues Moos in Fetzen von den Ästen hängt, oder über Bäche und Flüsse, die wir auf hölzernen Brücken oder im Wasser queren. An manchen Stellen scheinen wir in die Kulisse von „Der Herr der Ringe“ einzutauchen: Von den hoch aufragenden Bergrücken schießen in der Ferne über unzählige Meter mehrere Wasserfälle nebeneinander ins Tal … Immer wieder passiert die Gruppe kleine Ortschaften, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Hoch zu Ross kann man ungeniert in die Gärten lugen, wo sogar ausrangierte Skistöcke zu Rankhilfen umfunktioniert zwischen Kürbis, Bohnen und allerlei Blumen gut aussehen. Marschiert die 44 Hufe fassende Gruppe auf einem Dorfplatz ein, könnte man meinen, der Auftritt sei von der Tourismusbehörde angeordnet: Das laute Geklapper in den Gassen sorgt für neugierige Blicke. In den höheren Gefilden werden wir immer wieder staunend oder bewundernd beäugt. Nur eine Wanderin hält sich demonstrativ die Nase zu, als sie unseren Treck passiert. Wir nehmen es gelassen.

Von falschen und richtigen Entscheidungen

Der neuntägige Bernina-Ritt ist die Lieblingstour unseres Reitguides. Doch dieses Mal ist die Wegführung eine andere als üblich. Die Bergseite, die er mit unserer Reitgruppe zum ersten Mal ausprobieren will, galt bisher als unreitbar. Das erzählt Men beiläufig bei der Tour-Einführung. Kurz poppt in meinem Kopf die Frage auf, ob ich mir das alles gut überlegt habe. Aber es ist ohnehin zu spät, morgen geht es los und die Vorfreude ist groß. Beim Besprechen der Wetterlage zücken einige der Mitreiter eifrig die Smartphones. „Das Handy weiß nichts“, kommentiert Men verschmitzt grinsend, er kenne einen 60-jährigen Bergbauern, der wisse, wie das Wetter wird – und prophezeit bestes Reitwetter. Bis auf eine kleine Ausnahme wird er recht behalten. Eigentlich wollte Men Helikopterpilot werden oder zumindest ein wichtiger Rinderzüchter, doch es sollte anders kommen. Er baute mit seiner Lebensgefährtin Brigitte Prohaska einen Reitstall mit großer Herde, vielen Einstellern und ausgedienten Arbeitspferden auf. Als er 1983 den Hof übernahm, hatte er mit den Vierbeinern noch nichts am Hut. Die Liebe zum Pferd entdeckte er erst im Alter von 25, 26 Jahren, als sich sein Vater in der Pension eines kaufte. Ruhig und besonnen sitzt Men am Tisch, neben ihm liegt der Reithut, die Hände ruhen in seinem Schoß. Er überlegt, nimmt sich Zeit – obwohl sicher einiges an Arbeit auf ihn wartet. Der 60-Jährige kennt keine Eile. Er hält nichts vom Hetzen und Rennen und weiß, dass viele seiner Gäste auf den Ritten Entschleunigung suchen. Beim Wanderreiten gibt das Pferd gemeinsam mit dem oft unwegsamen Gelände die Geschwindigkeit vor. „Du brauchst dich nicht zu beeilen oder jemanden zu überholen. Wir reiten. Wir kommen irgendwann an. Und am nächsten Tag geht es irgendwann weiter … Das ist es, was die Leute so erdet und zur Ruhe bringt“, erklärt er. Wenngleich es beim Satteln und Zäumen der Tiere oftmals schnell gehen muss und auch nach dem Ritt, der Tiere wegen, ein flottes Arbeiten gefordert ist, kehrt nach dem Aufsitzen Ruhe ein. Der Weg ist das Ziel – zumindest solange wir unterwegs sind.

Men spricht langsam, fast gedehnt, wählt seine Worte mit Bedacht. Manchmal klingen die Sätze etwas fremdartig, wenn er die Satzteile ungewöhnlich zusammensetzt. Ob dies ein rätoromanisches Sprach-Erbe ist? Wer weiß. Eines aber ist sicher: Men strahlt eine Ruhe aus, die Mensch und Pferd Sicherheit gibt.

Zu den Pferden hat er einen besonderen Draht, vor allem zu Nabucco. Den heute 23-jährigen Freiberger hat er selbst gezüchtet und als Fohlen mit Vorkaufsrecht verkauft, sollte der neue Besitzer sich je davon trennen wollen. Trotzdem war das Tier später anderweitig veräußert und verschwunden. Sensible Pferde haben oft kein leichtes Leben, ist Men überzeugt und hat immer wieder versucht das Tier zu finden. Nach sechs Jahren stieß Brigitte auf eine Onlineverkaufsanzeige in Holland: Nabucco. Men kaufte ihn, obwohl der aktuelle Besitzer wenig Gutes zu berichten hatte. „Nach den Ausführungen des Holländers musste ich sagen, dass ich so ein Pferd nicht in meinem Stall brauchen kann.

Ich kann ja kein gefährliches Pferd einsetzen. Er meinte, du musst ihn acht Stunden reiten, damit du am nächsten Tag wieder aufsteigen kannst. Es ist vieles bei Nabucco kaputtgegangen“, erklärt er. Noch heute, erzählt er, reite er den Wallach am liebsten im Schritttempo. Traben klappe gut, aber im Galopp werde er zu heiß. „Man kann es mit Üben etwas dämpfen, aber auf der Festplatte bleibt es.“ Als Leitpferd ist Nabucco eigentlich ungeeignet. Denn manchmal braucht er Unterstützung, verpasst man diesen Moment, bleibt er stehen und ist mit Beindruck kaum zu bewegen. „Doch sobald ich absteige, ist das Vertrauen wieder da. Dann läuft er mit mir durchs Feuer oder über den Schnee. Ich weiß, da, wo ich hingehe, kommt er mir nach.“

Dolchstoß mit Folgen

Während der neun Reittage ist die Gruppe täglich bis zu achteinhalb Stunden unterwegs. Bis auf einige schnellere Trabstrecken wird aufgrund der anstrengenden Tourführung pferdeschonend im Schritt geritten. Ab dem vierten Tag bin ich heilfroh darüber. An diesem Tag heißt es nach einer längeren geführten Passage wieder aufsitzen. Weit und breit kein Stein, kein Baumstumpf, keine Erhöhung, die als Aufstiegshilfe genutzt werden könnte. Steif wie Pinocchio kriege ich kaum den Fuß in den Steigbügel und wuchte mich ungelenk in den Sattel. Dabei bleibt das rechte Bein an der hinten am Sattel befestigten Tasche hängen – und ich stecke fest. Ähnlich wie Odysseus hänge ich in einer Zwischenwelt fest, nur deutlich weniger heldenhaft. Auch gebe ich keine poetischen Verse wie Homer zum Besten, sondern fluche wie ein betrunkener Bierkutscher. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffe ich es endlich ganz aufs Pferd. Nur habe ich die Rechnung ohne das ansonsten praktische Horn des Westernsattels gemacht. Dieses ramme ich mir wie einen Dolch in die Brust. Anfangs schmerzt es nur wenig, doch schon am Abend muss ich Corinna, meiner tierärztlich ausgebildeten Zimmergenossin, verbieten lustige Bemerkungen zu machen, da Lachen höllisch wehtut. Die geprellte Rippe verursacht Schmerzen, beim Atmen ebenso wie beim Schuhezubinden oder im Bettliegen, vom darin Umdrehen ganz zu schweigen. Mein Ächzen und Stöhnen bringt Corinna dennoch zum Lachen – und danach mich. Ein schmerzensreicher und doch sehr amüsanter Teufelskreis. Trotz aller Jammerei rät mir die Veterinärin nicht zum Gnadenschuss. Ich rechne es ihr hoch an. Als wir am nächsten Morgen in John- Wayne-Manier zu den Pferden stiefeln, sind die Schmerzen zwar noch da – und bleiben für die nächsten Wochen –, doch auf dem Pferd sind sie vergessen.

Die Partnerschaft zwischen Mensch und Tier vertieft sich, bald weiß man nicht mehr, wer wen bei schwierigen Passagen führt. Die Pferde sind zu 100 Prozent trittsicher. Zum Überlegen oder Angsthaben bleibt ohnehin kaum Zeit. Einzig am ersten Tag scheut mein Pferd Michel vor einer weißen Plastikplane, legt den Rückwärtsgang ein und überrollt einer Dampfwalze gleich die beiden Pferde dahinter. Nemo und Elgon nehmen es dem Kollegen nicht übel. Ich habe dabei mehr Sorge, denn noch weiß ich nicht, dass sich die Tiere von derlei ungebührlichem Verhalten kaum aus der Ruhe bringen lassen. Schon nach zwei Tagen ist die Reittruppe gut eingespielt. Men legt einen Großteil der Strecke zu Fuß zurück, da er immer wieder Tore öffnen und schließen muss. Sogar Elektrozäune halten ihn nicht auf. Er findet immer einen Weg. Zur Not wird der Draht samt Pflöcken aus dem Boden gezogen und so weit angehoben, dass wir uns unten durch schummeln können. Wird Men müde, lässt er sich von Lola, einer großen Rappstute, mitziehen, indem er ihren Schweif bergauf als Schleppliftbügel nutzt. Denn Nabucco ist manchmal schon vorausgegangen …

Vom schlimmsten Ritt und schönsten Aussichten

Während sich die Reiter an Pferd, Landschaft und Abgeschiedenheit erfreuen oder einfach nur mit sich selbst beschäftigt sind, hat Men ganz andere Herausforderungen zu bewältigen. Denn der Job des Rittführers erfordert mehr, als nur den Weg zu finden. „So über den Berg zu reiten, ohne Handyempfang, ein Eisen verlieren, eine Entscheidung treffen wollen oder müssen oder ganz schlimm: Wenn einem Gast etwas passiert … das ist nicht ganz einfach“, erzählt er ernst und berichtet von seinem schlimmsten Ritt, als er mit zwei Familien über den Scalettapass unterwegs war. Das Wetter schlug um und innerhalb kurzer Zeit verschwand der Weg unter einer dicken Schicht Hagelkörner. Sofort bildeten sich zwei Lager, die sich fürchterlich stritten. Die einen wollten weitermachen, die anderen abbrechen. Nur: Wie geht abbrechen auf 2.600 Metern? Men suchte Unterschlupf in einer Alphütte – wo das Streiten weiterging. „Ich wusste nicht was machen. Hätte ich den Weg geändert, wären wir woanders rausgekommen – und das Gepäck war längst am geplanten Zielort. Telefonieren konnte ich auch nicht. Ich hatte zwei Möglichkeiten und beide waren falsch: Ich hätte immer einen Teil der Gruppe enttäuscht. Aber ich hatte Glück“, und Mens Miene hellt sich auf. „Irgendwann hab ich die Türe aufgemacht und du glaubst nicht: Das Loch im Wolkenhimmel war direkt über uns! Es war wie eine Szene in der Bibel. Da hat es keine Worte mehr gebraucht. Wir sind raus aufs Pferd und weitergeritten.“

Am Scalettapass befindet sich einer der wenigen noch erhaltenen Saumpfade der Schweiz. Viele historische Alpenübergänge waren als Saumpfade angelegt, entlang derer sich Stationen befanden, wo die „Saum“, der alte Begriff für Last, auf Esel, Maultier oder Pferd umgeladen wurde. Durch den Bau von gut befahrbaren Straßen verloren sie ihre wirtschaftliche Bedeutung. Dass ein Ritt oder das Befördern von Gütern mit Lasttieren in den Bergen Gefahren birgt, vergisst man bei gutem Wetter gern. Als wir am 2.234 Meter hoch gelegenen Lago Bianco entlangreiten, beginnen sich die Wolken vor uns zu Türmen aufzubauen. Die schneebedeckten Berggipfel verschwinden langsam hinter weiß-grauen Nebelfetzen, die gespenstisch ihre Fühler nach uns ausstrecken. Der Nebel wird dichter. Als wir das Tagesziel, das Hotel Belvedere, das schöne Aussicht bedeutet, erreichen, ist dieses in der grauen Suppe kaum auszumachen. Nachdem die Pferde versorgt sind, geht es zum Apero, einer von vielen der Truppe herbeigesehnten

Schweizer Tradition. Dem einsetzendem Nieselregen trotzen wir bei Stange und Kübel. So lauten die wohlklingenden Namen der Schweizer Maßeinheiten für Bier. Ein Hergöttli wurde nie bestellt, die zwei Deziliter waren stets zu klein für den Durst. Wenig später wird unser Ausharren auf der vernebelten Terrasse belohnt: Die Wolken schieben sich gnädig beiseite und geben den Blick auf das Val Poschiavo und den Palügletscher frei.

Kontemplation auf vier Hufen

Am letzten Reittag gilt es ein kurzes Stück am Gehsteig einer Hauptstraße zurückzulegen. Michel und ich bilden das Schlusslicht. Als ein großer Postbus samt Anhänger heranpoltert, bin ich kurz verunsichert: Wie wird er reagieren? Was so manchem Pferd Herzkammerflimmern beschert hätte, sorgt nur für ein kurzes Ohrenspiel und eine leichte Anspannung im Rücken. Ich tätschle dankbar lobend seinen Hals. Nur einmal schaffe ich es, mein Reittier aus der Reserve zu locken: Als ich auf mehr Abstand zum Vorderpferd bestehe und Michel dieses hinter den Büschen verschwinden sieht, wird er ungehalten und beginnt temperamentvoll auf der Stelle zu galoppieren. Das sogenannte Terre à terre hätte ich dem gemütlichen Wallach nicht zugetraut … Ich lasse mich zu einem aufschließendem Trab überreden, nachdem er mir mit seinen Mitteln erklärt hat, wo das Problem liegt. Überhaupt hat mein Pferdetherapeut Michel ganze Arbeit geleistet: Noch am ersten Reittag saßen mir Alltag, Job und Anreise schwer in den Knochen. Nach der Tagesetappe von 27,34 Kilometern und unzähligen Eindrücken falle ich glücklich, zufrieden und müde ins Bett. Die vorbeiziehende Kulisse aus Blumenwiesen, schroffen Bergen und Flüssen, Wäldern, Nebel, Sonne und Regen taten das Übrige, mich den Alltag vergessen zu lassen. Der Ritt hat die Erinnerung daran zurückgebracht, dass es noch etwas anderes, etwas viel Schöneres gibt.


Anzeige
Anzeige