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Logisch: Bio

In Carnuntum folgt man nicht den Trends, sondern man setzt sie: Rund ein Drittel der Gesamtrebfläche Carnuntums wird bis 2022 biologisch zertifiziert sein. Zieht man nur die Weingärten der 39 Rubin Carnuntum Weingüter in Betracht (in Summe 615 ha), so liegt der Anteil der biologisch bewirtschafteten Weinberge künftig sogar bei rund 50 %.

1994 wurde der erste Betrieb im Weinbaugebiet Carnuntum biologisch zertifiziert. Johann Artner war auf der Suche nach einer nachhaltigeren Bewirtschaftung seiner Weinberge, weil er seinen Kindern einen gesunden Betrieb übergeben wollte. Seine Erfahrungen musste Johann Artner selbst sammeln, ein Netzwerk von Gleichgesinnten im Weinbau gab es noch kaum . „Damals wurde man noch schief angeschaut, wenn man alternativ arbeiten wollte.“ erzählt seine Tochter Angelika. Für sie, die das Weingut heute unter dem Titel Angelika Bodentreu weiterführt, stellen sich viele der einstigen Fragen nicht mehr, das Credo ist aber das gleiche geblieben: „Wir möchten die Böden der nächsten Generation ein bisschen besser weitergeben, als wir sie übernommen haben.“ sagt Angelika Pimpel Artner.

Auch das Weingut der Familie Graßl – Nepomukhof hat sich dem gleichen Ziel verschrieben. Aber nicht nur in den Weingärten, auch zu Hause pflegt die Familie einen nachhaltigen Lebensstil und entwickelt Alternativen: Waschen mit Kastanien, Herstellung der eigenen Seifen, bewusste Müllreduktion. „Seit Jahren haben wir schon sukzessiv den Einsatz von chemischen Produkten im Weingarten reduziert und gleichzeitig natürliche Präparate zur Stärkung der Pflanzen eingesetzt. Es fehlte nur noch der Umstellungsvertrag. Nun sind wir glückliche Biowinzer“, strahlt Maria Graßl vom Nepomukhof.

Foto: Herbert Lehmann

Insektizide sind schon lange tabu in Vinetum. Dank der stetig wachsenden Bio-Flächen kehrt die Artenvielfalt zurück in die Weinberge. Zahlreiche Schmetterlingsarten, Nützlinge im Boden und resilientere Reben sind das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen.

Im biologischen Weinbau geht es zunächst um das Weglassen. Man verzichtet auf chemische Produkte, die der Rebe Schutz vor Infektionen bieten. Und man verzichtet auf Herbizide, denn man wünscht die Vielfalt. Allerdings: die Mehltaupilze Oidium und Peronospora gefährden die Blätter und Trauben, schädliche Insekten haben es auf die Beeren abgesehen, aggressive Wildpflanzen wollen die Reben überwuchern. Um den Reben dennoch gesundes Wachstum und qualitativen Ertrag zu ermöglichen, sind ein bedeutend höherer Arbeitseinsatz erforderlich – besonders, weil man auf den schnellen Einsatz von Pestiziden verzichtet.

Ein Alternativprodukt im Pflanzenschutz ist beispielsweise Orangenöl, das durch die Austrocknung des Keimhyphe gegen Pilzsporen wirkt. Gegen Traubenwickler wird die Verwirrmethode angewendet: dank Pheromonen, die großflächig im Gebiet verteilt werden, kann die Fortpflanzung dieses Schädlings nicht stattfinden. Gegen den Rehverbiss wird Schafmilchextrakt oder Schafwolle in den Rebzeilen ausgebracht – der Geruch hält das Wildtier aus den Weingärten fern.

All diese Maßnahmen sind zeitaufwändig: Winzer rechnen mit einem 20-30% höherem Arbeitsaufwand. Das lässt natürlich die Bewirtschaftungskosten pro Hektar deutlich ansteigen. Den größten Anteil rechnet man dem Verzicht auf systemische Mittel zu. Diese werden von der Pflanze aufgenommen und schützen sie von innen her. Ersetzt man systemische Mittel durch biologische, ist – vor allem in regnerischen Jahren – der Arbeitsaufwand unvergleichlich höher.  Jeder Regen wäscht nämlich die ausgebrachten biologischen Mittel wieder ab.

Foto: Herbert Lehmann

Kostentreiber ist weiters die vermehrte Handarbeit. Sie hat aber auch zur Folge, dass man viel mehr Zeit in den Weinbergen verbringt, und dadurch einen sehr genauen Überblick über das Entwicklungsstadium und die individuellen Bedürfnisse der Rebstöcke und der Böden hat. Mangelerscheinungen und ähnliche Symptome kann man somit frühzeitig erkennen und entgegen wirken.

Biologische Maßnahmen wirken flächig am besten. Daher ist es den Carnuntinern wichtig, dass möglichst viele Produzenten im Gebiet auf biologischen Weinbau umstellen. „Österreich ist ein Land mit vielen kleinen Weinbaubetrieben. Jeder Betrieb, der umstellt, trägt dazu bei, den ökologischen Fußabdruck zu verringern“, sagt Jungwinzerin Karoline Taferner. Neben Zertifizierungen wie bio Austria oder dem EU-bio-Logo, bestehen in der Region Carnuntum auch Nachhaltigkeits-Siegel, wie Nachhaltig Austria und Lutte Raisonnée.

Nicht nur in den Weinbergen stellt sich das Mindset der Winzer*innen um, sondern auch bei der Vinifizierung. Wer sorgfältig geerntetes Traubenmaterial in den Keller bringt, kann auch hier mit weniger Interventionen auskommen. Reinzuchthefen, Schwefel oder Schönungsmittel werden deutlich reduziert oder gar obsolet. Man schenkt den Trauben und ihren „wilden“ Hefen mehr Vertrauen, man lässt dem Most mehr Kontakt mit Beerenschalen oder Stielen, man arbeitet insgesamt gesamtheitlicher und gewinnt dadurch individuellere, spannendere, aber auch forderndere Weine, die mehr über ihre Herkunft als über den Weinmacher erzählten. „Im biologischen Weinbau begleitet man den Wein auf seinem Weg, man treibt ihn nicht.“ sagt Johannes Trapl, dessen Weingut in Stixneusiedl bereits seit 11 Jahren biologisch arbeitet und seit 2016 biodynamisch-zertifizierte Trauben in den Keller bringt.

Ob man es merkt?

Die Veränderung im Geschmack sei grundsätzlich erst nach 5 bis 10 Jahren erkennbar, meint Johannes Trapl. Zwar ist es nicht das primäre Ziel, dass sich die veränderte Bewirtschaftung im Geschmack bemerkbar macht, aber irgendwie scheint die neue Tendenz doch auch schmeckbar zu sein. Jedenfalls erhalten die Carnuntiner Winzer derzeit soviele Auszeichnungen und Top-Bewertungen für ihre Weine wie nie zuvor.

Ob man es kommuniziert?

„Am besten ist es, man nimmt den Kunden auf die Reise mit.“ sagt Walter Glatzer, dessen Betrieb biologisch zertifiziert ist. Heute seien zwar die meisten Konsumenten ohnehin vom biologischen Anbau überzeugt, das war aber nicht immer so. Noch vor 15 bis 20 Jahren hatten Bio-Weine in der breiten Bevölkerung kein besonders gutes Image.

Mittlerweile steigt aber die Nachfrage stetig. Nicht nur im heimischen Handel und in der nachhaltigen Hotellerie und Gastronomie, sondern auch im Ausland. „In manchen Märkten wie etwa Dänemark, Japan oder an der Ostküste der USA ist eine biologische Zertifizierung schon fast Grundbedingung, um überhaupt für eine Listung in Betracht gezogen zu werden.“, erklärt Glatzer. Der Mehraufwand in der biologischen Bewirtschaftung wird allerdings meist nicht preislich abgegolten.

„Der Qualitätsanspruch ist in Carnuntum irrsinnig hoch. Durch die jahrelange Auseinandersetzung mit der Herkunft, die das Appellationskonzept Carnuntum DAC und die Lagenklassifzierung zur Folge hatte, ist die Konzentration auf möglichst sanfte biologische Arbeitsweise in den Weingärten die logische Fortsetzung.  Das sind wir nicht nur unseren Weingärten schuldig, sondern auch der nächsten Generation.“, sagt Philipp Grassl.

Eine Sonderform des biologischen Anbaus ist der biodynamische Anbau. Das Weingut von Johannes Trapl ist der erste Betrieb in der Weinbauregion Carnuntum der Demeter zertifiziert ist. „Die Biodynamie war das Ziel von Anfang an und das war auch noch nicht die Speerspitze“, sagt Johannes Trapl mit Selbstverständlichkeit, „Der Einsatz von Präparaten und das Handeln im Einklang mit dem Mondkalender sind wesentliche Elemente, die man verstehen und leben muss.“

„Viele kennen die technischen Daten ihrer Weingärten: Boden, Niederschlagsmengen, Sonnenstunden, Rebalter. Wichtig ist aber auch, dass man ein Gefühl für jeden Rebstock entwickelt.“ – Johannes Trapl

Foto: Wine+Partners

Welche Zertifizierungen gibt es?

Integrierter Weinbau: Abgeleitet vom „Integrierten Pflanzenschutz“ wird im integrierten Weinbau eine deutliche Reduktion von Pflanzenschutzmitteln vorgenommen. Nur zugelassene, selten chemische Mittel kommen hier zur Anwendung. Dadurch wird der Boden maßgeblich weniger belastet.

Nachhaltiger Weinbau: nicht nur ökologische Maßnahmen sondern auch soziale und ökonomische Verantwortung stehen im Mittelpunkt dieser Zertifizierung. Die umsichtige Betreuung der Mitarbeiter, die langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten, die wachsame Verwendung von Wasser, der sparsame Umgang mit Energie. Herbizide und Wachstumsregulierungen sollen ebenso vermieden werden.

Biologisch-organischer Weinbau: Herbizide und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sowie Phosphordünger sind verboten. Beauftragte Kontrollstellen überprüfen die Arbeit und die Inverkehr-Bringung der Weine. Basis sind die Richtlinien ist die EU-bio-Verordnung.

Biologisch-dynamischer Weinbau: Aufbauend auf den biologisch-organischen Weinbau geht man hier noch ein Stück weiter und verfolgt einen ganzheitlichen energetischen Ansatz.  Die Phasen des Mondkalenders sind bestimmend für einzelne Arbeitsschritte. Horn- sowie Kompostpräperate und Pflanzenauszüge werden zur Unterstützung und Stärkung der Reben eingesetzt.

Coverfoto: Herbert Lehmann

www.carnuntum.com