l00716 (c) Priska Seisenbacher
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PRISKA SEISENBACHER: „ICH KANN MIR KEINE SCHWÄCHE LEISTEN“

Die Fotografin, Autorin und Reporterin Priska Seisenbacher bereiste Tadschikistan, Kirgistan, China und Afghanistan. Hat einen renommierten Fotografie-Scholarship-Award gewonnen, Bücher, Kalender und Reportagen verfasst und das alles nebenbei, denn sie hat jährlich nur zwei Monate für ihre Arbeitsreisen zur Verfügung. Eine Geschichte über geografische und andere Grenzüberschreitungen, Widerstände und die Faszination der Fremde.

Priska Seisenbacher sitzt in einer sogenannten Marshrutka Richtung Irkeshtam. Der Minibus wird sie und etwa 20 andere Mitreisende zur chinesischen Grenze bringen. Einen Tag zuvor ist die junge Frau von Wien aufgebrochen, drei Flüge liegen hinter ihr, eine sieben Wochen dauernde Reise durch die Gebirgsregion Pamir vor ihr. Es ist eng im Bus, immer mehr Taschen und Gepäckstücke stapeln sich im Gang. Man kommt ins Gespräch. Einige tadschikische LKW-Fahrer trinken Wodka, viel Wodka, und so entsteht aus harmlosem Smalltalk bald eine unangenehme Situation. Das Gesagte der Betrunkenen kann Seisenbacher auch ohne Russischkenntnisse erahnen, das betretene Schweigen der anderen ist deutlich genug. Der Minibus leert sich zusehends, die chinesische Grenze rückt näher. Übrig geblieben sind Seisenbacher, die alkoholisierten Männer und eine Kirgisin mit ihrem sechsjährigen Sohn. Endlich angekommen – doch wohin jetzt? Ein Gästehaus ist nicht in Sicht. Plötzlich wendet sich die Frau an die Österreicherin und gibt ihr zu verstehen, dass sie mitkommen soll. Ihre Gedanken dazu beschreibt die Fotografin und Autorin in ihrem Buch „Im Pamir“ so: „Diese Frau, zu der ich die ganze Fahrt über keinen Kontakt hatte, nimmt mich in ihre Obhut. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wir steigen aus. Die betrunkenen Idioten hinter uns protestieren.“ Ob dieser holprige Reisestart sie verunsichert habe? „Nein. Ich hab so viele gute Erfahrungen gemacht, dass ich das richtig einordnen konnte. Ich wusste, diese Begegnung wird nicht repräsentativ sein. Auch gibt es Sicherheitsmechanismen in solchen Situationen, wie eben die Frau, die mich einfach mitgenommen hat“, erklärt sie. Beeindruckend ist neben Seisenbachers Unaufgeregtheit die Selbstverständlichkeit der Kirgisin, welche eine Fremde in ihren Wohnwagen zum Essen und Schlafen einlädt. Genau solchen menschlichen Begegnungen ist die 31-Jährige auf der Spur. Das Leben der anderen ihr Antrieb.

Foto: Priska Seisenbacher

„Ich kann mir keine Schwäche leisten“

Priska Seisenbacher reist nicht nur in Länder, die viele nur aus den Nachrichten kennen, sondern sie reist auch alleine. Damit stößt sie oft auf Widerstand. Es wird ihr nicht zugetraut. Als Frau allein? In diese Länder? Unmöglich! Widerstand erfährt sie jedoch nicht in Tadschikistan, Kirgistan, China oder Afghanistan, sondern zuhause in Österreich. Woran es liegt? „Ich glaube, es ist die Angst vor dem Unbekannten und tendenziell auch der banale und klischeehafte Blick auf die Männerwelt in diesen Gebieten. Das Patriarchat ist dort wie überall vorherrschend – dort natürlich wesentlich dominanter. Dennoch sagt dies wenig über die Menschlichkeit aus, die man in Ländern wie Afghanistan findet“, so die Erklärung. Oft scheint der Blick auf das Fremde, gerade von Menschen, die selbst wenig Erfahrung damit gemacht haben, zu streng zu sein. Frauen müssen beschützt werden, so das allgemeine Credo. Sie solle doch lieber die Männer die Abenteuer erleben lassen. „Das ärgert mich ein bissl – auch aus feministischer Sicht“, ergänzt sie. Schon die ersten Reisen mit ihrem früheren Partner führten in diese abgelegenen Regionen. „Ich musste ihn erst von den Reisen überzeugen. Das war Arbeit!“, lacht sie, denn die Ziele ausgewählt hat sie selbst. Umso irritierender ist für die Fotografin der Umstand, dass ihr das unbegleitete, männerlose Reisen abgesprochen wird, birgt dies bei allen Nachteilen doch ungeahnte Vorteile. „In Afghanistan erhielt ich als Alleinreisende Zugang zu afghanischen Frauen und wurde so als Gast und Westlerin wahrgenommen, ohne die kulturelle Linse, die auswählt, was eine Frau ist und was sie zu tun und zu lassen hat. Es wurde auch nicht hinterfragt, warum ich alleine unterwegs bin. Dort bin ich als westliche Reisende ohnehin eine Exotin …“, berichtet sie. Dass sie neben Deutsch, Englisch, Schul-Spanisch noch Persisch und damit auch Dari und Tadschikisch spricht bringt ihr viel Respekt und Wertschätzung ein. Das Ungewöhnliche ihres Tuns und Reisens scheint in Seisenbachers Wahrnehmung selbst keine Rolle zu spielen. Längst hat sie sich mit den wieder kehrenden Fragen und dem Unbehagen der anderen abgefunden. Mit der Geschlechterungerechtigkeit jedoch nicht. Doch steht diese nicht im Fokus. Im Fokus stehen die Menschen, denen sie auf Reisen begegnet. Neben ihren Büchern und Kalendern publiziert sie auch Reisereportagen. Für die Reisen bleiben ihr jedoch nur zwei Monate im Jahr, denn noch unterrichtet die studierte Germanistin Deutsch an einem Wiener Gymnasium. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Interuniversitären Forschungsverbund Elfriede Jelinek der Universität Wien.

Foto: Priska Seisenbacher

Begeistert erzählt sie vom Unterrichten, welche Literatur sie mit ihren Schülern und Schülerinnen bearbeitet: Wie Jelineks Essay „Nach Nora“, ein Text, der sich mit der Modeindustrie und den Arbeitsbedingungen von Textilarbeiterinnen in Bangladesh auseinandersetzt. Auch hier der Blick auf eine fremde Welt. Doch so sehr sie den Lehrberuf schätzt, könnte die Zukunft Veränderungen bringen. Schon 2019 hat sie ihre Lehrerinnenstelle gekündigt, um sich auf die Fotografie zu konzentrieren. Kurz darauf machte Corona diese Pläne zunichte und sie kehrte an die Schule zurück. „Alle meine Reisen musste ich mir selber erarbeiten und bin rückblickend sehr froh, einen soliden Beruf erlernt zu haben, weil ich mir dadurch die Fotografie ermöglichen konnte“, so Seisenbacher. Doch sind zwei Jobs nur mit großer Anstrengung zu bewältigen, auch nagt die gewählte Art des Reisens an den Energieressourcen gibt sie zu: „Ich kann mir keine Schwäche leisten. Es ist ein stetes Verlassen der Komfortzone. Das birgt ein unglaubliches Potential, das einen auch zeichnet, da man ständig gefordert ist, um zu diesen besonderen Geschichten zu kommen.“ Eine Grenzüberschreitung. Auch als sie im Hochgebirge des Pamir mit Durchfall und Krankheit kämpft, heißt es durchhalten. Das nächste Ziel muss reitend erreicht werden, obwohl sie sich kaum noch auf dem Pferderücken halten kann. Pausen gibt es keine. Schreiben, Fotografieren, Fotos sichten und sichern, Reiseeindrücke schriftlich festhalten. Doch das Endprodukt beweist, dass sich der Aufwand lohnt: Das erschienene Pamir-Buch beeindruckt nicht nur durch überragende Fotografien, sondern auch durch erzählerische Tiefe und Hintergrundwissen. Derzeit arbeitet Seisenbacher an einem neuen Text-Bildband über Pakistan, wo sie den Sommer 2021 verbrachte. 12.000 Fotos sind während der Tour entstanden, die nun gesichtet und aussortiert werden müssen. „Wenn nach sieben Wochen 20 außergewöhnliche Fotos dabei sind, die herausstechen, ist das sehr gut. Aber es gibt noch einen größeren Pool an Bildern, die gut, schön und wichtig sind“, erklärt sie ihre Arbeit. Noch sei die Reise unsortiert, fototechnisch wie gedanklich. Doch eines hat sichtlich Eindruck gemacht: die Frauen des Landes. Die Herausforderungen, denen sich die Frauen dort stellen müssen, sind für westliche Begriffe kaum vorstellbar.

Lesen Sie die gesamte Story auf READLYYUMPU News oder im PARADISE Magazin – Viel Vergnügen!

Coverfoto: Priska Seisenbacher