gjirokaster image00016 (c) Carola Leitner
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REITREISE ALBANIEN: ZWISCHEN VERBRECHENSMYTHEN UND WAHREN GESCHICHTEN

Wenn ein Reit-Trail, der idyllisch zwischen Schmetterlingen und Schildkröten beginnt, sich als politisch-historische Reise entpuppt, kann das ein Glücksfall sein. Guides und Gastfamilien liefern Einblicke in das einst von Diktator Enver Hoxha isolierte Albanien. Ein Land zwischen Traum und Trauma, Geheimpolizei, Bücherverbrennungen und vielen vielleicht wahren Geschichten …

Rusa ist eine Kämpferin. Dumm nur, dass die dunkelbraune Stute mich als ihre Gegnerin auserkoren hat. Sie will rennen, nur muss ich sie dran hindern, denn Leitpferd Muji samt Guide darf nicht überholt werden. Dass wir ständig dem geduldigen Fliegenschimmel am Arsch kleben trägt nicht gerade zu meiner Entspannung bei. Bei einem berechtigten Huftritt aufgrund des fehlenden Abstands könnte meine getroffene Kniescheibe zerbröseln. Die Situation ist verfahren: Ich habe das schnellste Pferd aus dem Caravan Stall – aber kaum noch Energie die Speedmaschine unter mir zu kontrollieren. Die Spitzengeschwindigkeit der Stute liegt angeblich bei 68 Stundenkilometer, heißt es. Am zweiten Tag im Sattel wird plötzlich angaloppiert. Ich bin kurz unaufmerksam und rutsche aus dem linken Steigbügel. Die Einwirkung auf mein albanisches Mountain Horse ist dadurch kurz beeinträchtigt. Rusa nutzt meine Schieflage gnadenlos aus: Sie schießt an Muji vorbei als wären wir auf der Zielgeraden des Royal Ascot Rennens nahe Schloss Windsor. Ilir, Guide und Mitbesitzer des Caravan Reitstalls, bleibt gelassen. Als ich die heißblütige Stute, die mich langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt, wieder im Griff habe, frage ich ihn leicht verzweifelt: „Was mache ich falsch? Nehme ich sie kurz, wird sie immer nervöser, lasse ich die Zügel lang setzt sie zum Überholen an …“ Die Schuld liegt meist beim Reiter, das weiß ich, also suche ich sie auch bei mir. Dass Rusa aufgrund der Corona-Pandemie länger nicht geritten wurde und nun drauf brennt, endlich loszulegen erfahre ich erst später. Als die Landstraße, die sich eng an den steilen Hang schmiegt leicht ansteigt, dreht sich Ilir zu mir um und sagt: „Lass sie laufen!“ Und ja, ich dürfe überholen … Als die Stute mein Go! registriert, schießt sie los wie aus der Startmaschine. Sie beschleunigt so schnell, dass mir kurz Angst und Bang wird – vor allem als ich nach den ersten vorbeifliegenden 100 Metern eine enge Kurve vor mir sehe. Doch es ist zu spät, denn die Bremse funktioniert nur eingeschränkt und es bleibt nur mehr eins: Augen zu und durch! Hinter uns spritzen Sand und Schotter in alle Richtungen als wir aus der Kurve hinauf auf den Berg preschen. Dass es sich hier um keine gesicherte Rennstrecke handelt wird mir erst später bewusst. Doch zum Glück ist der Autoverkehr in den Bergen Südalbaniens spärlich … endlich kann ich den Höllenritt genießen, denn ich spüre, dass auch mein Pferd sich entspannt. Die Stute beruhigt sich. Als Ilir wieder auf gleicher Höhe ist und auch meine beiden Reitkolleginnen Marine und Gina auf Zeus und Calamari aufgeholt haben, bin ich glücklich und zufrieden. Ich bedanke mich bei Ilir für seine Idee, die geholfen zu haben scheint. Doch nur wenige Kilometer weiter geht der Zirkus von vorne los. Sie probiert alles: tänzelt quer über die Straße, wirft den Kopf nach hinten, einzig auf die Hinterbeine stellt sie sich nicht, immerhin. Als wir wenig später am Etappenziel ankommen, brennen meine Finger wie Feuer. Denn Rusa am laufen zu hindern war nur mit eiserner Hand möglich. Trotz der Reithandschuhe hängt meine Haut an kleinen und Ringfingern in Fetzen – an manchen Stellen ist die oberste Hautschicht fein säuberlich abgetragen.

Foto: Carola Leitner

„Albanische Eltern sind Gesetz“

Bei der Gastfamilie angekommen werden Dhall, ein albanisches Joghurtgetränk, viel Wasser und starker Kaffee serviert. Bei manchen Unterkünften bleibt die Reitgruppe ohne die zwei sich abwechselnden Guides, Ilir und Kristina, zurück. Silvia, die 18-jährige Tochter unserer Gastgeberfamilie, spricht gut Englisch. Während wir frisch geduscht unter der weinumrankten Pergola sitzen werden die  der Ziegen, die langsam den nahen Abhang herunterspringen, lauter. Wenig später sind die rund 200 Tiere in der Umzäunung neben dem Haus vollzählig versammelt. Eine Ziege nach der anderen drängt sich in einen engen Verschlag, wo Silvias Mutter und Onkel etwa 100 der Tiere von Hand melken. Die vier Hunde der Familie halten sich im Hintergrund. Ihre Aufgabe: Wache halten. In den Bergen gäbe es Wölfe, so Silvia. Auch würden die Hunde aufpassen, dass keine fremden Ziegen zur eigenen Herde dazustoßen, erklärt sie. Wie das geht, fragen wir. „Sie erkennen fremde Ziegen am Geruch!“ Nach dem Abendessen sitzen Gina aus Bayern, die gebürtige Französin Marine und ich vor dem Haus und leeren gemeinsam eine eineinhalb Liter Plastikflasche mit Rotwein. Das Gebinde ist ungewohnt, doch scheint hier vieles so abgefüllt zu werden: das selbst hergestellte Olivenöl ebenso wie der Honig vom Imker aus dem Nachbardorf.

Foto: Caravan Horse Riding Albania

Für die heutige Nacht überlässt uns die Gastfamilie das gesamte Haus und zieht zur Großmutter, die ein Stück die Straße entlang wohnt. Bis kurz vor Sonnenuntergang schraubt der Onkel am Motor seines Mercedes. Die Großmutter, mit zwei geflochtenen weißen dünnen Zöpfchen, treibt Kühe auf die Weide. Es gibt keinen Telefonempfang, von WLAN ganz zu schweigen. Wir genießen das Gespräch mit Silvia, die offen von ihren Zukunftsplänen und dem Leben in ihrer Heimat erzählt. „Albanische Eltern sind Gesetz“, scherzt sie liebevoll. Eigentlich ist das Ausgehen ab dem 18. Lebensjahr erlaubt, aber ihre Mutter sieht das nur ungern. Die junge Frau hat zwar bereits einen Führerschein, doch hinters Lenkrad darf sie nicht. „Ich fahre zu schnell“, kommentiert sie lachend. Drum chauffiere sie der Bruder wenn es sein muss – der wiederum ist erst 16 und hat noch keine Fahrprüfung. Beim Wein bleibt Silvia enthaltsam, aber eine Zigarette nimmt sie gerne. Das dunkle Haar zu einem Dutt gebunden legt sie den Kopf schief und grinst. Die Mutter wisse nicht, dass sie manchmal raucht. Bei uns ist ihr Geheimnis sicher, da wir uns ohne sie als Übersetzerin nicht verständigen können. Das gefällt unserer Gastgeberin und sie lacht aus vollem Hals. Ein Jahr Schule noch, dann will Silvia Crime Analytics studieren. Die Mutter würde es lieber sehen, wenn sie ein Medizinstudium absolvieren würde. Denn Ärzte werden im Land immer gebraucht, aber für eine Kriminalistin gibt es nur Jobs außerhalb von Albanien, lautet die Erklärung. Die Inspiration dazu habe das Fernsehen geliefert, so Silvia, Serien wie S.W.A.T. oder Chicago Fire. Ich sitze den ganzen Abend mit affektiert abgespreitzten Fingern am Tisch, da ich mir meine offenen Wunden mit Honig – aus der Plastikflasche – desinfiziert habe. Reitkollegin Gina ist Krankenschwester und hat einen gewöhnungsbedürftigen Behandlungsvorschlag: Eigenurin. Doch die beste Nachricht überbringt Marine. Sie wird mir den Wallach Zeus überlassen und ab morgen Rusa reiten. In unseren Zimmern steht die Hitze, es gibt keinerlei Luft-Bewegung – wir lassen alle Türen, inklusive Haustüre, sperrangelweit offen. Unsere Unterkunft ist die letzte an der befestigten Straße. Und: Die Hunde passen auf die Ziegen und uns auf … Am nächsten Morgen schmerzen die Wunden an den Fingern stark, dass ich mir nach Ginas abendlicher Anleitung über die Finger pinkle. Die offenen Stellen verheilen in Folge überraschend schnell.

Lesen Sie die gesamte Story auf READLYYUMPU News oder im PARADISE Magazin – Viel Vergnügen!

Coverfoto: Carola Leitner

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