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Welterbe Wachau: mehr als nur Marille

Weingärten, Schlösser, Ruinen und große Namen wie Richard Löwenherz, Veltliner und Mariandl: Die Wachau, UNESCO-Weltkulturerbe, kann in 14 Etappen erwandert werden, entweder auf eigene Faust oder organisiert mit Gepäcktransport & Co. Geboten werden viel Natur, Kultur, Gaumenfreuden und noch mehr Wein. Ausgezeichnet wurde die Wachau auch anderweitig: Das renommierte Magazin „National Geographic“ kürte sie einst zum besten historischen Reiseziel der Welt.

Es duftet nach blühendem Holunder, Holz und feuchter Erde. Holunder und Brennnessel scheinen gut miteinander auszukommen, denn meist scharen sich unzählige, fast mannshohe Stauden um die knorrigen Stämme des Hollerstrauchs. Vielleicht liegt es daran, dass beiden eine heilende Wirkung nachgesagt wird: Einem alten Sprichwort zufolge soll man vor jedem Holunderstrauch den Hut ziehen. Wir haben leider keinen dabei, obwohl er als Sonnenschutz gut geeignet wäre … Doch die Sonne schummelt sich ohnehin nur selten zwischen den hochaufragenden Bäumen durch. Wir sind seit rund vier Stunden unterwegs, begleitet von den weißen Wegmarkierungen, Vogelgezwitscher und dem Rascheln zu unseren Füßen. Immer wieder schreckt der schwere Schritt der Wanderschuhe die Smaragdeidechsen beim Sonnenbaden auf. Die kleine Echse mit blau gepudertem Hals und grün schimmerndem Leib ist Namensgeberin für einen der besonderen Weine der Region. Wenig später lassen wir den Wald hinter uns und wandern entlang von Weinrieden dem Etappenziel Weißenkirchen entgegen. Ein Blick zurück zeigt, was schon geschafft ist: Dürnstein mit der weithin sichtbaren Ruine und dem markanten hellblauen Kirchturm. Es fehlt nur mehr ein kleines Stück der 16 Kilometer langen Etappe 2 des Wachauer Welterbesteigs, doch das Knie meiner tapferen Mitwanderin Inge schmerzt bereits. Eine falsche Drehung und autsch. Das vereinbarte Abendessen beginnt zu wackeln. Sicherheitshalber informieren wir die Gastgeber: die Familie Wildeis vom Hotel-Restaurant Kirchenwirt. Chefin Manuela Wildeis ist am Apparat und macht uns ein beruhigendes Angebot: „Wenn es mit dem Gehen schlimmer wird, können wir euch mit dem Caddy abholen kommen!“ Wir schaffen es ohne motorisierte Unterstützung durch die Weingärten, in denen sich die Grillen laut zirpend über die Störung beschweren. In der Weißenkirchener Altstadt angekommen, geht es über den historischen Kirchensteig zur Wehrkirche und über eine Holztreppe zum Marktplatz. Beim Kirchenwirt wartet die Hotelchefin schon mit einem Eisbeutel für das kaputte Knie. Einzig zum Zimmer gibt es noch ein paar Stufen zu steigen. Wir haben keine Eile und das Gepäck ist dank des Voraus- Transports ohnehin immer schneller als wir …

Mehr als nur von A nach B

Der Welterbesteig Wachau erstreckt sich 180 Kilometer nördlich und südlich der Donau und verbindet die insgesamt 14 Gemeinden des UNESCO-Weltkulturerbes Wachau. Die Wachau zählt zu den weltweit bekanntesten Natur- und Kulturlandschaften. Schon 1955 wurde das Areal zum Landschaftsschutzgebiet erklärt, 1994 vom Europarat mit dem Europäischen Naturschutzdiplom ausgezeichnet und sechs Jahre später in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen. 2008 kürte das renommierte „National Geographic Reisemagazin“ die Wachau zur „Best Historic Destination in the World“. 14 Etappen mit unterschiedlichen Längen und Schwierigkeitsgraden führen durch Weingärten, entlang der typischen Weinterrassen und Trocken-Steinmauern, die von den Winzern gehegt und gepflegt werden. Durch Eichen- und Buchenwälder, vorbei an geschichtsträchtigen Ruinen, Burgen sowie Schlössern und immer wieder: die Donau. Die Aussicht von der Ferdinand-Warte auf das Donautal zählt zu den Highlights der ausgewählt erwanderten Etappen.

1890 vom Österreichischen Touristenklub über einem Steilabfall zur Donau auf einem Felsvorsprung errichtet, erinnert der hölzerne Pavillon samt grandioser Aussicht an ein Gemälde des österreichischen Malers Rudolf von Alt, der die Wachau gern zum Motiv nahm. Wie aus der Zeit gefallen, thront die Aussichtsplattform auf 370 Höhenmetern. Doch die 13. Etappe hat mehr zu bieten. Die Tour führt durch kleine Winzerorte über das Stift Göttweig bis nach Mautern. Der Aufstieg zum Benediktinerkloster – zur Mittagszeit – ist trotz Bewaldung durchaus schweißtreibend. Im Inneren der Stiftskirche belohnt die Kühle und die barocke Ausgestaltung die Mühen. Der Abstieg nach Furth ist schnell geschafft. An einem Brunnen wird Wasser in die leere Trinkflasche gefüllt. Das bleibt nicht unbemerkt. Freundlicherweise weist eine Einheimische darauf hin, dass der Brunnen kein Trinkwasser führt. Im Supermarkt am Platz durften wir unkompliziert und ohne Entgelt an der Gastro-Ecke die Flasche befüllen. Das letzte Wegstück führt durch die Lössschlucht Zellergraben. Wohltuend kühl ist es im Hohlweg, die Römerstadt Mautern schon fast in Sicht.

Zwischen Weinbrand und Katzensprung

Für eingefleischte Heimatfilm-Fans ist die Wachau u. a. aufgrund des Gunther-Philipp-Museums samt eigenem Kinosaal im Hotel Mariandl in Spitz ein lohnenswertes Ziel. Weiters sollte man hier auch mindestens einmal das „Mariandl“-Lied singen. Ersatzweise kann man sich aber auch mit Hans Moser einstimmen: „I muaß im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein. Ja, sonst wär die Sehnsucht nicht so groß nach einem Wein …“ Ob der Schauspieler auch gewusst hat, dass man in einem Weinkeller nicht auf die Fässer klopfen darf? Das wird nicht gern gesehen, lässt doch der Klang auf den Grad der Befüllung schließen. Die Winzer wissen natürlich, dass die Wanderer gern von den Trauben am Wegrand kosten. Das darf auch sein, nur sollten sie auch gegessen werden. Zurück in den Weingarten geworfen, locken die angeknabberten Früchte Vögel und allerlei Schädlinge an, die der Weinbauer nicht in seinen Rieden haben will, erfahre ich von einer Einheimischen.

Die Führung in der Domäne Wachau beginnt mit Guide Max und einem Glas Weinbrand in der Brennerei. Es ist 9 Uhr 30 und wir haben am Vorabend dem Wein über die Maßen zugesprochen. Die Lust, den Tag so kurz nach dem Frühstück mit etwas Hochprozentigem zu feiern, ist gering, doch der 21-Jährige macht seine Sache gut und so probieren wir. Max erzählt vom Reifegrad, altem Handwerk und zeigt uns später die Räume des barocken Kellerschlössls. Dieses wurde zwischen 1714 bis 1719 nach Plänen von Jakob Prandtauer erbaut und ist heute das Wahrzeichen des renommierten Weingutes. Kein Geringerer als Leopold Figl hatte einen Schlüssel. Wenngleich der Bundeskanzler wohl weniger Interesse an den gemalten Grotesken im oberen Stockwerk hatte, sondern sich vermutlich tief unten in der Erde aufgehalten hat. Immerhin wurde das Schlössl über einem der Weinkellerausgänge errichtet. Figl, ein Gönner und Freund der Wachau, soll einmal mit einer wichtigen russischen Delegation im Keller gewesen sein. Getrunken worden sei damals „Grüner Veltliner Katzensprung“ und „Riesling Hollarin“, so die Legende. Überliefert wurde diese von einem Einheimischen, der damals als kleiner Bub serviert hat. Der Dürnsteiner Katzensprung zählte zu Figls Favoriten, noch heute lagern einige wenige Originalflaschen aus 1954 im Keller. Die Bezeichnung stammt übrigens vom gleichnamigen Anbaugebiet, dessen abschüssiges Terrain einem Katzenbuckel ähnelt. Nach einer Tour durch den weitläufigen Keller, in dem uns Max hölzerne Weinfässer, Amphoren, Stahltanks bis hin zu Betoneiern und einem Marmortank vorführt, geht es zur Weinverkostung. Es ist nun fast halb 11 und der vergorene Traubensaft schmeckt uns wieder. Dass uns danach eine sechsstündige Wanderung inklusive steilem Anstieg zur Burgruine Dürnstein bevorsteht, lassen uns die Kostproben gnädig vergessen.

Wachau.Wandern.Deluxe

Der weithin bekannte Johann-Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ soll angeblich weder mit der Farbe des Flusses noch mit den Reben des Blauen Zweigelts zu tun haben, sondern mit der Schlacht zu Dürnstein im Jahr 1805 während des Zweiten Napoleonischen Krieges. Die blau uniformierten Franzosen waren in großer Zahl dahingemetzelt. Die Toten warf man in die Donau, die sich ob der vielen Gefallenen blau färbte. Ob die Geschichte wahr oder gut erfunden ist, sei dahingestellt. In der Domäne Wachau hat man sich zu dieser unschönen Historie jedenfalls etwas Gutes einfallen lassen: einen Rosé Reserve 1805. Wer das hübsche Etikett genauer betrachtet, wird die beiden darauf abgebildeten Uniformierten sicher zuordnen können. Gesichert ist, dass am Pariser Arc de Triomphe die Ortschaft „Durrenstein“ – ebenso wie Hollabrunn – als französischer Sieg in Stein gemeißelt steht. Verbrieft ist noch etwas anderes: der wenngleich unfreiwillige Aufenthalt des englischen Königs Richard Löwenherz. Vieles erinnert heute noch an den Gefangenen: ein Themenweg rund um die Ruine oder das gleichnamige Hotel. Das Hotel Richard Löwenherz der Familie Thiery ist Teil des „Wachau.Wandern.Deluxe“-Programms. Nach der ersten Etappe dort angekommen wird uns ein großer schwerer Schlüssel ausgehändigt: Nummer 14. Wir lustwandeln über einen roten Teppich einen Gang entlang, links und rechts Antiquitäten, Gemälde und Spiegel an den Wänden, ein Blumenstrauß duftet auf einer mit Intarsien verzierten Vitrine vor sich hin. Das geöffnete Fenster im Zimmer ist wie ein Tor in eine andere Welt – den Klostergarten. Wenig später legen wir am großen Pool bei einem Glas Winzersekt die Beine hoch und begutachten von unseren Liegen aus das Hotel, das im ehemaligen Klarissenkloster untergebracht ist. Danach flanieren wir durch den Ort. An einer Ecke sitzen ein paar Musikanten in Lederhosen beisammen, neben ihnen steht eine angebrochene Flasche Weißwein, ein paar Gläser. Am Rückweg passieren wir das Grüppchen erneut. Es wird musiziert, einige Passanten schwingen spontan das Tanzbein. Eine Szenerie wie aus einem gelungenen Werbefilm. Wir applaudieren und ziehen weiter. Aus der Ferne hören wir noch das „Wachaulied“, dem das Wiegenlied „Guten Abend, gut Nacht“ von Johannes Brahms folgt. Ein perfekter Ausklang … doch noch ist es zu früh fürs Bett: Das Abendessen wartet. Es gibt Carpaccio mit Burrata, Zander auf Kraut mit Speck und eine Traisentaler Forelle. Auf der Terrasse des Hotel-Restaurants kämpft sich das sattwarme Abendlicht durch das Geäst der Kastanienbäume. Als es nach dem Dessert, einer Mousse aus weißer Schokolade mit Rhabarber-Sauce, draußen zu kalt wird, nehmen wir das Angebot des Kellners, drinnen den Kamin für uns anzuheizen, gern an. Hausherrin Franziska Thiery überwacht dies mit den Worten: „Du musst mehr Papier nehmen!“ Ob wir etwas bestellen möchten, fragt sie uns. Ja bitte! Die Bestellung selbst nimmt die grauhaarige Grande Dame nicht auf, sie schickt jemand anderen. Als die Getränke serviert werden, taucht die Chefin des Hauses mit einer schweren Vase mit Blumen wieder auf. Als sich zu später Stunde drei Hotelgäste aufgrund der geschlossenen Hotel-Küche eine Pizza liefern lassen, lautet der lapidar-trockene Kommentar der Hausherrin: „Das ist ein Novum, dass Gäste im Foyer Pizza bestellen und essen … die scheinen beim Heurigen nix mehr bekommen zu haben.“

Am letzten Tag des „Wachau.Wandern.Deluxe“-Packages steht das Schifffahrtsmuseum in Spitz am Programm. Das im Barockschloss Erlahof untergebrachte Museum zeigt viele Originalobjekte und liefert Infos zu Holzschifffahrt und Flößerei. Restaurierte Filmaufnahmen demonstrieren das Beladen der Flöße und halsbrecherische Fahrten. Bis zu 60 Pferde zogen die Schiffe stromaufwärts. Nach einem Besuch im Strandcafé Spitz mit Biedermeier-Flair heißt es bei Marillenpalatschinken Abschied nehmen. Während der Schifffahrt zurück nach Krems zieht die Wachau mit ihren Ortschaften wie wechselnde Bühnenbilder im Theater an uns vorbei. Die 55 Minuten dauernde „Vorführung“ genießen wir an Deck. Der einsetzende Nieselregen ist stärker geworden und hat die Mitreisenden vertrieben. Das ist gut, denn so muss niemand unser zweistimmig gesungenes „Mariandl-andl-andl …“ mitanhören.

03:25, 03:29, 03:59

Einige Wochen später reise ich auf eigene Faust zur Südseite der Wachau: ohne komfortablen Gepäcktransport, vorbereitete Jause und Hotelreservierungen. Die Nordseite der Wachau mit Dürnstein, Weißenkirchen, Spitz und Co. ist wohl der bekanntere Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dies mag u. a. an den hochklassigen Hotels und Restaurants liegen, die entlang der Donau aufgefädelt sind. Doch auch die Südseite muss sich nicht verstecken. Etappe 9 und 13 sind geplant: Vor allem in Mautern gibt es mit dem Landhaus Bacher, geführt von Lisl Wagner-Bacher, einen guten Grund für einen Besuch. Am Ziel der 13. Etappe liegt aber auch der Nikolaihof, das älteste Weingut Österreichs, das seit 1894 im Besitz der Familie Saahs ist. Hier wird biodynamischer Wein angebaut. Ihr Riesling „Vinothek 1995“ erhielt als erster Wein aus Österreich 100 Punkte in Robert Parkers „The Wine Advocate“, eine bemerkenswerte Auszeichnung. Doch bis man in der rund 3.600-Seelen-Gemeinde ankommt, heißt es – sofern man kein Package gebucht hat –, die Reise zu organisieren. Der Wetterbericht prophezeit viel Sonnenschein und durchaus hohe Temperaturen. Eine frühe Anreise ist daher angeraten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind jedoch nicht alle Etappen-Ausgangspunkte einfach und schlafgerecht zu erreichen. Möchte man klimaschonend aus der Landeshauptstadt nach Oberbergern fahren, spuckt der Zugfahrplan drei mögliche Abfahrtstermine aus: 03:25, 03:29 und 03:59. Die Umstiege variieren zwischen vier- und fünfmal. Die einzige Konstante dabei ist die Ankunftszeit: Diese lautet dreimal 06:59. Der Plan wird verworfen und mit Etappe 9, von Melk nach Aggsbach-Dorf, begonnen. Auch heißt es platzsparend zu packen, da das Gepäck dieses Mal selbst transportiert werden muss. Von Melk ausgehend führt die Strecke am Stift vorbei, durch Wiesen und Wälder zum Schloss Schönbühel. Die Aussicht auf den Jauerling wäre bei Weitsicht besonders schön, wüsste man, um welche Erhebung es sich handelt. Im danach durchwanderten Buchenwald tanzen die auf den Waldboden geworfenen Sonnenflecken am Hohlweg. Würde hier ein Bauer mit einem Kaltblüter ein paar Baumstämme aus dem Unterholz rücken, wäre man nicht überrascht. Brombeerbüsche, Hagebutten und Haselnusssträucher beugen sich an einer Stelle zu einem Spalier über den Weg. Die Weintrauben sind in den letzten Wochen gewachsen, die Marillen gereift. In Mautern angekommen überredet mich Christine Saahs, Chefin im Nikolaihof, nach Räucherforelle, Jungschweinsbraten und einer Flasche „Grüner Veltliner Zwickl“ noch zu einem Dessert: Marillenknödel. Man gönnt sich ja sonst nix …

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