Peru (1 von 1)-21
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Porträt einer Reisenden

Alles hinschmeißen und allein mit dem Motorrad um die Welt: Als Frau ein waghalsiges Unterfangen, doch Lea Rieck scheut keine Widerstände. Im Gegenteil. Sie liebt es neues auszuprobieren und an die eigenen Grenzen zu gehen. Die 90.000 gefahrenen Kilometer verändern die Münchnerin auf ungeahnte Weise. Sie erzählt von Gefahren, Toleranz, einem Sniper und ihrer mutigsten Entscheidung.

Nach einem über zwei Stunden dauernden Gespräch müssen noch Fotos gemacht werden. Eine leichte Übung für Lea Rieck, die auf ihrer 18 Monate dauernden Reise unzählige Bilder von sich geschossen und gepostet hat. Nur dieses Mal ist es anders. Plötzlich wirkt die junge Frau etwas verloren und scheu. Ohne die Motorrad-Kluft oder das rote Kleid, zwei Outfits, welche ihren Instagram-Followern bestens vertraut sind, fehlt etwas. Fotografiert zu werden ist eine ungewohnte Situation. Sie lehnt an der weißen Wand ihrer Münchner Wohnung, trägt dicke Wollsocken und fragt unsicher: „Soll ich sie fürs Shooting ausziehen?“ Nicht nötig. Klick-Klick. Als eine Videobotschaft aufgenommen werden soll, und Lea zuvor kurz in einem Nebenraum verschwindet, um Helm und Handschuhe zu holen, ist die Selbstsicherheit wieder da. Ganz Profi, nur ein Durchgang, alles perfekt.

… das wertvollste Geschenk

Mit Was-wäre-wenn-Fragen hält sich die 33-Jährige nicht auf. Sie probiert einfach aus – und beschließt auf Weltreise zu gehen: kündigt Arbeit und Wohnung, schlägt ein lukratives Jobangebot aus und beginnt zu organisieren. In ihrem Buch „Sag dem Abenteuer, ich komme.“ liest man von den Vorbereitungen wenig. Danach gefragt stöhnt sie hörbar auf: „Laaangweilig!“ Das Organisieren sei das Nervigste, auch wenn es dazugehöre. Es mussten Visa gecheckt, bestimmte Einreisetermine eingehalten sowie ein zweiter Reisepass beantragt werden. „Ich hatte eine Excel-Tabelle, wo drin stand: Embassy XY am Tag XY beantragen. Manche Länder wollen vorab das Ein- und Ausreiseland wissen. Wieder andere wollen nicht mit bestimmten Ländern im Pass stehen. Es ist ein kompliziertes Puzzle.“ Zwei Tage vor der Abreise hieß es zurück an den Start, da man Lea das turkmenische Visum verweigerte. Die neue Route sollte nun durch Pakistan führen. Eine Internet-Foren-Anfrage zeitigte wenig erfreulichen Ergebnisse. 21 Kommentatoren waren sich einig: Fahr auf keinen Fall! Diese hätten, wie Lea anmerkt, aber allesamt das Land nicht bereist. „Schließlich hat ein Pakistani geschrieben: Komm hierher, mein Land ist wahnsinnig schön! Ich hab mich gefragt: Wie verlässlich ist diese Quelle? … und bin trotzdem gefahren!“, erklärt die junge Frau lachend, so als ob es die Entscheidung zwischen einem roten und einem blauen Paar Schuhe gewesen wäre.

Das von Triumph gesponserte Motorrad Triumph Tiger 800 XCA hat Lea auf Cleopatra getauft,  liebevoll kurz Cleo genannt. Mit Packtaschen, angefüllt mit Werkzeug, Kleidung und Kameraequipment, ging es los … Das Reisebudget beziffert Lea im Buch mit 40 bis 50 Tausend Euro. „Es wäre sicher günstiger gegangen, aber ich hab auch viel Geld für Jux und Tollerei ausgegeben, eine Reitsafari, Kitesurfen usw.“, erzählt sie verschmitzt und gesteht, dass sie eigentlich nicht gut reitet, aber es umso mehr liebt. Auf den Straßen erlebte sie so manche Überraschung: In Delhi macht ihr ein Mann durch sein heruntergekurbeltes Fenster ein Kompliment: „Cooles Motorrad! Mein bester Freund ist der Chef von Triumph Indien. Der macht dir sicher ein Service …“, berichtet Lea. Es ist viel Gutes passiert auf der Reise. Im Buch beschreibt sie die vielen positiven Erlebnisse und teils rührenden Begegnungen, spart aber auch die gefährlichen und unangenehmen Situationen nicht aus: vom thailändischen Sex-Club, einer frauenverachtenden Motorrad-Gang oder zwei versuchten Überfällen. Trotz allem: Reisen sei das wertvollste Geschenk, das man sich selbst machen könne, ist die Buch-Autorin überzeugt, weil man viel über andere sowie sich selbst lernen könne. Dafür sei es wichtig das Unbekannte zu suchen und anzunehmen. „Nur etwas, das wir nicht kennen, gibt uns Raum zu wachsen.“

Wenn Krieg nur ein Wort ist

Als Frau allein zu reisen hat auch Vorteile: So ging Lea bei Polizeikontrollen immer straffrei aus und in muslimischen Ländern wird man gern von Familien eingeladen. „Als Frau erhält man intimere Einblicke: in die Familie, trifft Frauen und Kinder. Als westlicher Mann würde man nie an diese Orte vordringen. Auf diese Weise bekommt man viel von der Kultur mit, ist aber gleichzeitig auch verletzlicher.“ Dies habe sie vor allem an Grenzübergängen bemerken müssen. „Da heißt es nett sein, weil man nie weiß, wer der Chef ist.“ In einer normalen Umgebung würde sie eine Ohrfeige austeilen, sobald ihr ein Mann ungefragt die Hand auf den Oberschenkel legt. In einer Grenzstation, wo man nicht abschätzen könne, was passiere, müsse man anders reagieren, so Lea, auch wenn es sich manchmal als Verrat anfühlte. „Ich wollte nicht, dass der Grenzer das bei den nächsten Frauen auch macht!“ Ob sie oft Angst gehabt habe? Nein, eigentlich nicht. Auf dem Land fast nie. Bedrohliches passiere meist in Städten, Orten, wo das Gefälle zwischen Arm und Reich zusammenkomme, erklärt sie.

„Am Anfang der Reise dachte ich, ich werde ganz mutig werden, da draußen auf den Straßen. Doch das Mutigste war wohl, nicht auf die Leute zu hören, die mir gesagt haben: Du kannst nicht alleine als Frau reisen, du weißt zu wenig, hast zu wenig Erfahrung … Als ich gestürzt bin und mein Motorrad im Wüstensand nicht allein hochstemmen konnte, habe ich mich schwach gefühlt. Wir kommen ja aus einem Leben, das auf Selbstständigkeit ausgerichtet ist. Wie oft fragt man jemand um Hilfe? Eigentlich nie.“, erinnert sich Lea an die Situation. Um Hilfe zu fragen hat sich als bereichernd herausgestellt. Sie sei weicher, empathischer und toleranter geworden. Die vielen persönlichen Begegnungen haben sie verändert. Ein guter Zeitpunkt, um nach Igor zu fragen. Über den Russen zu reden fällt ihr schwer, schwerer als darüber zu schreiben. Aus dem Klassiker „verliebt, verlobt, verheiratet“ gilt es das mittlere Wörtchen zu streichen. Und auch das Letztere traf nur auf den Mann zu wie er später zugab. Doch zuvor wird Lea auf eine andere Probe gestellt, als sie erfährt, dass Igor als Sniper gearbeitet hat. Sie habe Abstand gebraucht, habe jedoch bald erkannt, dass auch dies in Relation zu sehen sei und erklärt: „An solchen Orten ist es nicht ungewöhnlich, Personen mit einer Scharfschützen-Vergangenheit zu treffen. Das war anfangs schwer zu verstehen. Ich saß auf einem hohen Ross, mit einer Kindheit, in der Krieg ein Wort ist und in Geschichtsbüchern vorkommt. Anfangs stellte ich mir die Frage: Kann ich mit einer Person, die vielleicht mehrere hundert Menschen erschossen hat, noch am Tisch sitzen? Aber dann: Wie kann ich über jemand mit so einer Vergangenheit urteilen, verglichen mit meinen eigenen Erfahrungen?“ Die beiden sind Freunde geblieben und noch heute in Kontakt.


Leistungssport und Mode-Blog

Woher sie eigentlich das Durchhaltevermögen hat? Vielleicht vom Leistungssport, den sie zehn Jahre lang betrieben hat. „Als Kind rutscht man so rein. Es ist eine große Entscheidung, aber gleichzeitig eine, die nie wirklich getroffen wird.“, erzählt sie. Normalerweise brauche man eine große Leidenschaft für eine so anstrengende Tätigkeit. Mit 16 brach sie das intensive Schwimmtraining ab. Nach dem Abitur machte sie die Aufnahmeprüfung für einen neuen, heiß umkämpften Lehrgang, wurde genommen – und ging nicht hin. Ein Muster? Vielleicht. Sie entschied sich für Kunstgeschichte, Jura und BWL und startete als eine der ersten Modebloggerinnen Deutschlands den Fashion-Blog LeaLoves, der 2010 zu den 20 wichtigsten Modeblogs ihrer Heimat zählt. Darauf angesprochen winkt sie ab. „Och, das ist so lange her! Ich hab aufgehört bevor viel Kohle geflossen ist, weil ich meine berufliche Laufbahn nicht in der Mode gesehen habe.“ Doch das Interesse daran ist geblieben. Während ihrer Weltumrundung war Lea immer wieder auf der Jagd nach schönen Stoffen und Kleidungsstücken. Alle zwei, drei Monate schickte sie ein Päckchen nachhause, mit einer Sicherungskopie der Festplatten und Souvenirs wie Lotusseide aus Myanmar oder einem Huipil. „Ich habe tagelang kleine Dörfer in Guatemala besucht, um Weberinnen zu finden, die diese traditionelle Frauen-Oberkleidung, herstellen. Ich wollte kein Touristenmassending, sondern es dort kaufen, wo es ursprünglich herkommt.“, sagt Lea, springt dynamisch vom Stuhl hoch und holt den Huipil und andere Teile. Während sie wohl im Kasten kramt, ruft sie weitere Informationen zu ihren Klamotten-Käufen durch die Wohnung. Mittlerweile schmerzt es regelrecht, sie nicht in ihrer Begeisterung fotografieren zu dürfen. Lea verbat sich jegliche Infos über Wohnung, Stadtteil sowie Vorlieben. Während sie als Reisende sowie Buch-Autorin eine öffentliche Figur ist, soll Privates privat bleiben. Verständlich. Als sie zurückkommt, drapiert sie den wild gemusterten Huipil sowie zwei Röcke auf dem Tisch. Sie streicht mit den Händen darüber und befühlt die verschiedenen Stoffarten. Den ganzen Tag am Motorrad in Sicherheitskleidung zu verbringen reicht ihr: Wenn sie abends mit Einheimischen zusammensitzt, will sie nicht aussehen wie ein Supersportler. „Außerdem kann man mit Kleidern alles machen! Das bis oben geschlitzte Rote zum Beispiel: Da denkt man, dass man das in muslimischen Ländern nicht anziehen kann. Stimmt nicht. Mit einer Hose drunter und einem Schal um die Schultern ist man besser und angepasster angezogen als mit einer am Hintern engen Cargohose.“

Nach einigen Praktika in Galerien erkannte Lea, dass dies nicht das Richtige war. Die Notwendigkeit neben dem Studium noch Geld verdienen zu müssen, brachte die damalige Studentin zum Schreiben. Der Job beim renommierten AD Magazin machte ihr viel Spaß. Doch irgendwann reichte dieser nicht mehr aus. Kann es sein, dass sie sich schnell langweile? Vielleicht. „Wenn der Moment kommt, wo ich nichts neues mehr lerne, ist es für mich vorbei. Ich hab Lust Dinge zu entdecken, mich in Neues zu wagen. Mein Beruf macht es mir damit sehr leicht. Denn alles, was ich bisher für meine persönliche Entwicklung getan habe, hat mich auch beruflich weitergebracht.“, erklärt sie. Auch beim Verfassen des Buchs war es ähnlich. Sie stand vor der Entscheidung, einen langweiligen Reisebericht zu verfassen oder Persönliches preiszugeben. Sie entschied sich für Letzteres. „Hose runter, auch wenn es unangenehm ist. Da sind ja auch Erlebnisse drinnen, die man normalerweise nur guten Freunden erzählt …“ Kurz bevor das Buch auf den Markt kam, wurde Lea Riecks Blog got2go, über den ihr viele gefolgt waren, in die jetzige Website umgestaltet. Derzeit betreut sie keinen echten Blog, Instagram und Facebook seien dafür besser geeignet, sagt sie. Über Social Media erhielt sie viele Reisetipps – u.a. von ihren Eltern. „Als beruhigendes Ritual sind wir immer zur Bibliothek gegangen, haben uns sämtliche vorhandenen Reisebücher der jeweiligen Länder besorgt. Das hat uns das Gefühl gegeben, in Leas Nähe zu sein.“, erzählt Vater Egon, während seine Frau Helene nachsetzt: „Ich konnte Lea sogar aus der Ferne Tipps weitergeben. Die Tage ohne Kontakt zu Lea waren sehr anstrengend für uns beide.“

Afrika, Afrika …

Wenn sie nicht gerade auf dem Motorrad um die Welt fährt, arbeitet die Münchnerin als Journalistin und Beraterin in der digitalen Konzeption, hält als Keynote Speakerin Vorträge über Mut, Aufbrechen sowie Veränderungen und liest aus ihrem Buch. Vor vielen Menschen zu sprechen hat ihr anfangs Angst gemacht. „Nach meiner ersten Lesung dachte ich, ich muss die komplette Tour absagen. Es war schlimm: Ich war so nervös und musste fast erbrechen …“ Mittlerweile mache es richtig Spaß. Sie hält kurz inne und sagt: „Schade, dass es heute so ungemütlich ist, ich hätte dir gern den Botanischen Garten gezeigt, der ist so schön!“ Den Spaziergang lassen wir aus, sehen aber nach dem Motorrad. Es ist es kalt, nebelig, die Straßen noch nass vom Regen. Lea schimpft: „Ich bin die schlechteste Motorradmutter aller Zeiten …!“ Doch Cleo scheint es ihr, trotz Reste frischen Taubenkots am Sitz, nicht übel zu nehmen. Lea steigt auf, posiert mit dem Helm unterm Arm. Sie grinst zufrieden und erzählt von der bevorstehenden Afrika-Umrundung: „Dieses Mal ist die Tour in Etappen geplant: Ich möchte nicht mehr so lange am Stück wegsein. Die erste Fahrt nach Dakhla hab ich schon gemacht, Ende November geht es weiter …“

Wer? Lea Rieck

Wie lange? 18 Monate, genauer: 516 Tage

Wohin? 50 Länder, 6 Kontinente

Was? In einem 90.000 Kilometer langen Abenteuer um die Welt

Reisegefährtin: Cleopatra, kurz „Cleo“, eine Triumph Tiger 800 XCA

Im Gepäck: eine Nikon-Spiegelreflex, ein rotes Kleid, Gaffa-Tape, Kabelbinder, Zigaretten als Bestechungsmittel, Werkzeug und einiges mehr

BUCHTIPP (kommt ohnehin zu den Buchempfehlungen)

„Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“ von Lea Rieck, Kiepenheuer & Witsch Verlag (A: 18,50 Euro, D: 18,00 Euro), auch als eBook erhältlich

LESUNGEN

Am 18.10.2019: Österreichische URANIA für Steiermark (Burggasse 4/l 8010 Graz)

oder am 07.03.2020 im im Rahmen des Berlin Travel Festivals in der Arena Berlin (Eichenstraße 4 12435 Berlin), weitere Termine unter www.learieck.de

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Destination

Ein Makeover für Paris

Grün und lebenswerter soll Paris zukünftig sein. Die französische Hauptstadt wird mit dem Projekt „Reinventer Paris“ (übersetzt: Paris

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